Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Versorgungssicherheit oder Patientensicherheit gegen Nachhaltigkeit auszuspielen. Im Gegenteil: Die Autoren betonen, dass jede Veränderung die Wirksamkeit und Sicherheit der Patientenversorgung erhalten muss. Gleichzeitig sei eine Anpassung bestehender Praktiken notwendig, um auf künftige ökologische, wirtschaftliche und versorgungsbezogene Rahmenbedingungen vorbereitet zu sein.
Warum gerade die Elektrophysiologie im Fokus steht
Die Elektrophysiologie ist ein wachsendes, hochspezialisiertes Feld und gleichzeitig besonders materialintensiv. Viele Verfahren benötigen Hightech-Produkte, seltene Metalle, komplexe Polymere und zahlreiche Einmalmaterialien.
Für die Elektrophysiologie kommen zwei Aspekte zusammen: Zum einen entstehen Emissionen und Abfälle durch die Nutzung und Entsorgung von Medizinprodukten. Zum anderen können fragile Lieferketten, knappe Rohstoffe und internationale Abhängigkeiten langfristig auch die Verfügbarkeit kritischer Medizinprodukte beeinflussen.
Remanufacturing als möglicher Baustein
Ein zentraler Lösungsansatz ist das Remanufacturing bzw. Reprocessing von Einmal-Medizinprodukten. Die Autoren unterscheiden klar zwischen Remanufacturing und Recycling: Beim Recycling wird ein Produkt zerstört, in seine Bestandteile getrennt und für neue Produkte genutzt. Remanufacturing hingegen beschreibt die erneute Aufbereitung eines ursprünglich als Einmalprodukt gekennzeichneten Medizinprodukts nach Reinigung, Prüfung und erneuter Sterilisation, damit es sicher wiederverwendet werden kann.
Das Paper ordnet Remanufacturing als möglichen Hebel ein, um den ökologischen Impact elektrophysiologischer Eingriffe zu reduzieren und zugleich wirtschaftliche Vorteile zu ermöglichen. Gleichzeitig betonen die Autoren, dass Remanufacturing nur unter strengen regulatorischen Anforderungen erfolgen darf, damit Sicherheit, Wirksamkeit und Qualität der Produkte gewährleistet bleiben. In der EU ist Remanufacturing bzw. Reprocessing durch die MDR geregelt, die konkrete Anforderungen an Qualitätsmanagement, technische Dokumentation, Marktüberwachung und Verantwortung stellt.
Nachhaltigkeit braucht mehr als eine Einzelmaßnahme
Eine nachhaltigere Elektrophysiologie entsteht jedoch nicht durch eine einzelne Maßnahme. Gefragt ist ein Zusammenspiel verschiedener Akteure – von Politik und Regulierung über Hersteller und Fachgesellschaften bis hin zu Krankenhäusern und Anwendern.
Die vorgeschlagenen Handlungsfelder reichen von Prävention und effizienteren Behandlungsstrategien über die Reduktion unnötiger Materialien, bis hin zu Reprocessing, Eco-Design, Interoperabilität und der Integration von Umweltkriterien in Einkaufsentscheidungen. Auch der Austausch zwischen Kliniken, Fachgesellschaften und Industrie wird als wichtiger Hebel genannt, um nachhaltigere Lösungen praktisch umzusetzen.
Vom Anspruch zur Umsetzung
Besonders wichtig ist die Botschaft des Papers: Nachhaltigkeit in der Elektrophysiologie ist kein optionales Zusatzthema, sondern eine Zukunftsaufgabe. Remanufacturing kann dabei ein wichtiger Baustein sein. Vorausgesetzt, es erfolgt qualitätsgesichert, regulatorisch sauber und mit klarem Fokus auf Patientensicherheit.
Für das Gesundheitswesen bedeutet das: Kreislaufmodelle sollten nicht erst am Ende der Produktnutzung ansetzen. Entscheidend ist, den gesamten Lebenszyklus von Medizinprodukten mitzudenken – von Beschaffung und Nutzung über Rückgabe und Aufbereitung bis hin zu Recycling, wenn eine erneute Nutzung nicht mehr möglich ist. Genau dieser ganzheitliche Blick kann helfen, Ressourcen zu schonen, Kosten zu kontrollieren und die Versorgung langfristig resilienter zu machen.
Quelle: Position paper on sustainability in cardiac pacing and electrophysiology from the Working Group of Cardiac Pacing and Electrophysiology of the French Society of Cardiology, Archives of Cardiovascular Disease, 2024.




